„Man muss also kein Film-Nerd sein, um das zu verstehen.“

Sophie Linnenbaum zum hochgelobten Debüt „The Ordinaries“

Sophie Linnenbaum ist Regisseurin und Autorin, und wurde 1986 in Nürnberg geboren. Nach ihrem Psychologiestudium arbeitete sie als Theaterautorin, bevor sie ihr Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf aufnahm. Sie dreht Serien und Dokumentarfilme für funk, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF sowie die ZDF-Serien „Druck“ und „Deutscher“. Ihre Kurzfilme wurden vielfach ausgezeichnet und liefen auf zahlreichen Festivals. Für ihr Spielfilmdebüt „The Ordinaries“ gab es reichlich Lob und Preise. Darunter zwei Förderpreise vom Filmfest München, der New Faces Award sowie der Publikumspreis bei der Filmkunstmesse Leipzig. Die Politsatire erzählt von einer jungen Heldin, die ihre Prüfung zur Hauptfigur bestehen will, um in die Oberklasse aufzusteigen. Mit der Regisseurin unterhielt sich Dieter Oßwald.

Frau Linnenbaum, das Plakat zieren neun Auszeichnungen, darunter der Publikumspreis der Filmkunstmesse. Wird Ihnen dieser Preisregen nicht langsam unheimlich?
Es ist immer eine große Freude, wenn ein Film gerne gesehen und gemocht wird – dafür macht man ihn ja. Bei all der Mühe, die man sich macht, gibt es permanent die Angst vor einer Publikumsreaktion im Stil von: „Was soll der Quatsch?“. Das ist zum Glück bislang noch nicht passiert!

Sie kommen am selben Tag wie Til Schweiger mit „Manta Manta – Zwoter Teil“ in die Kinos. Ist das Fluch oder Segen?
Auf jeden Fall Segen! Ich will schließlich immer positiv denken! (Lacht)

Woher kommt die Idee für „The Ordinaries“?
Die Grundidee für diese Welt entstand schon früh mit einem Kurzfilm von mir. Es ist die Geschichte eines Mannes, der so einsam ist, dass er aus dem Bild fällt. Er macht sich auf die Suche nach einer Lösung und findet schließlich in einer Selbsthilfegruppe von Menschen mit Filmdefekten, wie „Jumpcutters“ oder „Falschcasts“, die Verbindung, nach der er gesucht hat. Diese Figuren sind mir im Gedächtnis geblieben, weil sie auf so einfache und spielerische Weise unsere Ausgrenzungsmechanismen verkörpern, und die große Frage nach der Macht der Narrative, die unser Denken und Handeln bestimmen, ist in dieser filmischen Welt verankert. Und von da aus habe ich dann mit meinem Co-Autoren Michael Fetter Nathansky weitergesponnen.

Wofür stehen die drei Klassen von Menschen, also Haupt- und Nebenfiguren und Outtakes?
Sie stehen für ein Oben, ein Unten und eine Pufferzone dazwischen. Alle drei sind voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig, da sie nur in Abgrenzung voneinander existieren.

Der Film ist aufwändig produziert, von spektakulären Bauten bis zu pompöser Musik von einem richtigen Filmorchester. Wie gelingt einem das mit einem Abschlussfilm der Hochschule?
Das gelingt mit einem wahnsinnig aufopferungsvollen, kongenialen, wundervollen Team, wie die Szenenbildner:innen Josefine Lindner und Max Schönborn oder die Kostümbildnerin Sophie Peters, um nur ein paar zu nennen! Für einen Abschlussfilm steht lediglich ein bestimmtes Budget zur Verfügung. Wenn nicht alle diesen Film in dieser Form hätten machen wollen und dabei ein bisschen größenwahnsinnig gewesen wären, dann hätten wir das nie geschafft.

Andere Filme haben gleichfalls wundervolle Teams. Und dennoch kein Filmorchester!
Wir haben lange an dem Film gearbeitet. Es war wirklich so, dass wir durch die Idee und das Drehbuch einfach Leute für uns gewinnen konnten. Alle unsere Komparsen und Komparsinnen sind beispielsweise ohne Honorar aufgetreten, was gerade bei so einer Art von Film wahnsinnig viel wert ist. Und was die Musikaufnahmen betrifft, da half einerseits die freundschaftliche Verbindung zwischen dem Filmorchester und unserer Filmuniversität, an der auch Fabian Zeidler, unser toller Komponist studiert, und andererseits die Überzeugungskraft meiner großartigen Produzentinnen Laura Klippel und Britta Strampe.

Die surreale Geschichte klingt nicht ganz einfach. Wie kompliziert darf Kino sein, damit das Publikum am Ball bleibt?
Für uns war es immer wichtig, eine Zugänglichkeit zu bewahren. Wenngleich es sich um ein filmisches Meta-Universum handelt, haben wir immer versucht, intuitive Filmbilder zu finden. Man muss also kein Film-Nerd sein, der 30 Lexika gelesen hat, um das zu verstehen. Mir persönlich gefällt Kino, welches mit dem Publikum kommunizieren möchte. „The Ordinaries“ soll berühren, auch wenn er in einer fiktionalen Meta-Welt spielt.

Was hat es mit dem englischen Titel auf sich? Die Gewöhnlichen, ja und?
„Die Gewöhnlichen, ja und“ finde ich eine sehr schöne Zusammenfassung! (Lacht) Wir wollten einen Kontrast schaffen zu den ganzen Superhelden-Titeln, die gleichfalls auf englisch sind: Von „The Avengers“ über „The incredibles“ bis „The suicide squad“.

In welche Genre-Schublade lässt sich „The Ordinaries“ stecken?
Ich würde sagen, es ist eine tragikomische Gesellschaftssatire mit Science-Fiction-Anklängen.

Wie groß ist die Gefahr, dass die ganze Geschichte aus dem Ruder läuft und zu übertrieben erscheint?
„Kill you darlings“ wurde zu einem Standard-Motto. Zu viele Orte, zu viele Figuren, zu viele Erzählstränge haben wir regelmäßig zusammengestrichen. Wenn wir allerdings das Gefühl hatten, bestimmte Dinge braucht der Film, dann haben wir versucht, das auch möglich zu machen.

Wie reagierte das Publikum bislang auf den Film?
Die bisherigen Reaktionen waren unglaublich schön. Gerade das sind ja die Leute, die man abholen möchte. Wenn das Publikum in diese Welt eintauchen kann und berührt wird, finde ich das sehr beglückend.

Was wäre Ihr Ratschlag für Kinogänger? Mit welcher Haltung sollte man in die ungewöhnlichen „Ordinaries“ gehen?
Ohne Angst! Es könnte auf den ersten Blick so aussehen, der Film wäre nur für bestimmte Leute. Aber es ist ein Film über uns und über jeden von uns! Wenn man Lust hat auf diese Bilder und sich darauf einlässt, dann wird man sie verstehen. Man wird eingeladen zu lachen, zu weinen und nachzudenken.

Fotos Bandenfilm, Jonas Ludwig Walter

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Dieter Osswald

Geschrieben von Dieter Osswald

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