Nie wieder Krieg

Daniel Brühl zum Oscar-Kandidaten „Im Westen nichts Neues“

Mit „Good Bye, Lenin!“ erlebte Daniel Brühl seinen Durchbruch. Es folgten Filme wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Krabat“ oder „John Rabe“. International stand der 44-Jährige mit Julie Delpy in „2 Tage Paris“ vor der Kamera, mit Brad Pitt in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ oder mit Scarlett Johansson in der der Verfilmung des Marvel-Comics „The First Avenger: Civil War“. Nach seinem Regiedebüt „Nebenan“ spielt er nun den Pazifisten Matthias Erzberger in der Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Die Adaption von Lewis Milestone wurde 1930 mit zwei Oscars prämiert. Nun geht auch die Netflix-Produktion als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen. Nachdem am 19. September der Kinostartschuss fiel, startete das Drama am 28. Oktober auch bei Netflix. Die Europa-Premiere fand beim Zurich Film Festival statt. Dort unterhielt sich unser Filmexperte Dieter Oßwald mit Daniel Brühl, der zugleich als Ausführender Produzent fungiert.

 

 

 

 

Herr Brühl, der Film ist als deutscher Kandidat für das Oscar-Rennen nominiert. Wie sehen Sie die Chancen?
Mein Kreuz wird er auf alle Fälle bekommen! (lacht) Aber das ist natürlich noch ein weiter Weg. Da wird es brillante Konkurrenten geben. Wir versuchen alle, nicht allzu viel darüber nachzudenken und auf dem Teppich zu bleiben. Ich war jedenfalls selten so stolz auf ein Projekt. Mein Partner Malte Grunert war maßgeblich als Produzent beteiligt. Die gemeinsame Firma mit ihm war eine goldrichtige Entscheidung. Malte hat mich bereits bei meinem Regiedebüt „Nebenan“ souverän durch das Chaos der Pandemie geführt.

Wäre eine so teuere Produktion ohne Netflix überhaupt noch möglich?
Wenn man einen Film derart episch erzählen möchte, kann man keine kleinen Brötchen backen. Das war schon eine Ansage und es ist schön zu sehen, dass Netflix an diesen Film auch wirklich total glaubt. Es gibt ein Kinofenster, was ja keineswegs üblich ist: In Deutschland sind das vier Wochen, in den anderen Länder sind es zwei Wochen. Ich kann wirklich jedem empfehlen, dieses Epos auf der großen Leinwand anzuschauen.

Aktuell herrscht große Angst vor einem möglichen Krieg. Wie passt dieser Film in die heutige Zeit?
Zu Beginn des Projektes war die Lage eine völlig andere. Leider hat das Thema nun rasant an Relevanz gewonnen. Umso wichtiger ist es, dass gerade auch junge Menschen diesen Klassiker neu entdecken. Ich würde mir wünschen, dass Schulklassen gemeinsam ins Kino gehen. Oder es später auf Netflix im Unterricht anschauen und darüber reden.

Die Eroberung der Bastille oder die Verteidigung von Stalingrad wurde nicht mit Schnick-Schnack-Schnuck gewonnen. Gibt es nicht auch gerechte Kriege, die nicht minder brutal ausfallen?
Ja, aber es gibt keine Gewinner. Überlebende werden alle geschädigt, auch die vermeintlichen Gewinner werden danach mit Traumata und Schmerz durch das Leben gehen. Ich bin aufgewachsen mit Kriegsfilmen, die eine Perspektive von außen zeigen. Es ist klar, dass Sieger ihre eigene Geschichtserzählung haben. Das wusste schon Tolstoi in „Krieg und Frieden“. Deshalb fand ich es wichtig, einen Anti-Kriegsfilm im Geiste von Erich Maria Remarque zu machen. Wo eben an keiner Stelle irgendetwas glorifiziert oder heroisiert wird.

Haben Sie selbst eigene Erfahrungen mit dem Militär?
Nein, ich war ein Kriegsdienstverweigerer und habe meinen Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt in Köln absolviert. Wie Felix Krull hatte ich versucht, durch die Musterung zu fallen, was mir jedoch nicht gelungen ist. Da habe ich als Schauspieler wohl eine ziemlich schlechte Vorstellung geliefert! (lacht) Im Nachhinein muss ich sagen: Der Zivildienst war für mich eine wunderbare Erfahrung. Heraus aus der verwöhnten Komfortzone und anderen Menschen helfen!

 

 

 

 

 

Sie spielen Matthias Erzberger, den aus Württemberg stammenden Leiter der Waffenstillstandskommission. Hat Ihnen das Schwäbisch Ihre Frau aus Stuttgart beigebracht?
Tatsächlich war es mein Schwiegervater. Die Tonaufnahmen von ihm habe ich noch immer auf meinem Handy. Jetzt bin ich gespannt auf sein Urteil. (lacht) Erzberger ist für mich eine sehr faszinierende Figur. Ein Politiker, der es aus der Provinz nach Berlin schafft. Durch und durch Katholik und konservativ. Zugleich ein Gegner der Kolonialpolitik und des Krieges. Seine Unnachgiebigkeit höre ich auch im Schwäbischen heraus, deswegen fand ich es richtig, dass er mit Dialekt spricht.

Weshalb hat es fast hundert Jahre gedauert, bis eine deutsche Verfilmung des deutschen Romanerfolges zustande kam?
Tatsächlich ist „Im Westen nichts Neues“ das erfolgreichste Buch der deutschen Literaturgeschichte. Es ist der Anti-Kriegsroman schlechthin. Weshalb es keine Verfilmung in der Originalsprache gegeben hat, ist mir selbst rätselhaft. Die Idee kam von meinem Partner Malte Grunert und ich war sofort davon begeistert. 

Fotos Reiner Bajo

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Dieter Osswald

Geschrieben von Dieter Osswald

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