Wer sich nicht erinnert, war dabei

,,Zum erröteten Recken“

Dieser Name ist heutzutage nur noch wenigen Braunschweiger:innen geläufig. Dabei gehörte das Lokal am Dom in den siebziger und achtziger Jahren zu den angesagtesten Etablissements der Löwenstadt. „Der Recke“ versprach Glanz und Exklusivität, war für seine Speisen und Festivalitäten bis weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Nicht nur wegen der vom Spitzenkoch Per-Louis Makrele kreierten Aspik-Köstlichkeiten wie beispielsweise dem legendären Domstädter Donnerbalken fungierte das edle Restaurant als Anlaufstelle für Gutbetuchte und Besseraussehende.

 

Die treibende Kraft im Betrieb zu jener Zeit war Reinhold Stögel-Steiglitzer, dessen Persona das Haus mit glamourösem Flair füllte und unter welchem der Ort zu einer Pilgerstädte der Zuckeria avancierte. Stögel-Steiglitzer, von Freunden und Stammgäst:innen schlicht Schlotzi genannt, liebte Luxus wie Laster, konnte er sowohl einige italienische Nobelkarossen als auch einen ausgeprägten Hang zu Rauschmitteln aller Art sein Eigen nennen. Ein Umstand, der ihm den Beinamen Pillenkaiser von Dankwarderode einbrachte. In Gesellschaft des Lebemanns und Entrepreneurs gaben sich bevorzugt jene ab, die Status und Naturalien besaßen oder sich danach sehnten. Das „Wer ist wer“ der Politik- und Geschäftswelt gab sich im Erröteten ebenso die Klinke in die Hand wie die Prominenz des
regionalen Kulturbetriebs.
Stögel-Steiglitzer, der den Ruf eines animalischen Feierbiests innehatte, galt als brillanter Party-Organisator und war sich nicht zu schade, zu später Stunde höchstselbst den einen oder anderen Boogie Woogie aufs Tastenmöbel zu schmirgeln. Wer etwas auf sich hielt, der ließ sich blicken, wenn der Maestro zu seinen legendären Lustbarkeiten in den Recken lud. Sofern einem denn Einlass gewährt wurde! Denn Steiglitzers Reich war berüchtigt für eine strenge Türpolitik. Am Eingang des Nobelimbisses selektierte Vigo Schmidt-Cardoso alias der „Schnelle Frank“ schonungslos. Wer sich nicht stilvoll zu kleiden wusste, blitzte ab.
Die glitzernde Episode braunschweigischer Stadthistorie fand im Jahre 1987 ein abruptes Ende. Stögel-Steiglitzer war zum Ausspannen in seine Urlaubsresidenz auf Capri gereist, wo er beim morgendlichen Badegang von einem Heringshai attackiert und verspeist wurde. Ein spektakulärer Abgang von einem,
der das Spektakel liebte.

 

Grafik Sven Gebauer

Vergiss nicht, abzustimmen.
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0

Was denkst du?

Sven Gebauer

Geschrieben von Sven Gebauer

Schreibe einen Kommentar

Avatar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

GIPHY App Key not set. Please check settings

Bewegtbild, das bewegt

Die nackte Wahrheit: Kai Dobrzewski aka Dobsche