Gegen den Storm

Stoppok
16. Dezember / Lessingtheater (WF)

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Liedermacher-Urgestein Stoppok bringt am 16. Dezember ein vorweihnachtliches Kontrastprogramm auf die Bühne des Lessingtheater Wolfenbüttel.

Lieber die kleine Nische als die große Bühne – so lautete schon immer das Credo des Multiinstrumentalisten und deutschsprachigen Singer-Songwriters Stefan Stoppok. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Stoppok sich musikalisch schon immer lieber mit gesellschaftlichen Fragen und Problemen unserer Zeit beschäftigte, statt sich an Marktstrategien anzupassen und anderen nach dem Mund zu singen. Dabei entwickelte er schon früh seine ganz eigene Mischung aus Folk, Rock und Country, die inzwischen auf über 20 Alben aus vier Dekaden zu hören ist. Gesellschaftskritik und spitze Beobachten treffen auf Poesie und Gefühl, großartiges Gitarrenspiel und erzählerischen Gesang. Genau dieser unverwechselbare Stil ist es, weshalb der 64-jährige Liedermacher mehrfach mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde und es mit seinem Album „Jubel“ 2020 auf Platz vier der deutschen Albumcharts schaffte. Die Geschichten des Alltags sind noch nicht auserzählt und so reist Stoppok nach alter Tradition auch in dieser Vorweihnachtszeit mit seiner Gitarre durch die Republik und macht dabei am 16. Dezember Halt im Lessingtheater Wolfenbüttel. Wir hatten den gebürtigen Hamburger Musiker vorab am Telefon und haben mit ihm über den Lauf der Charts, politisch korrekte Sprache und Weltmusik sinniert.

 

Stoppok, wo und wie erwische ich dich gerade?
Ich bin tatsächlich sehr spät aufgestanden, habe gerade gefrühstückt und da fiel mir siedend heiß ein, dass du bei mir hier im Kalender stehst! Ich bin also gerade entspannt zu Hause.

Du kommst bald mit deiner „Es muss weitergehen“-Tour kurz vor Weihnachten zu uns in die Region – spielt Weihnachten überhaupt ein Thema in deinem Programm?
Überhaupt nicht! Der Bezug zu Weihnachten ist nur, dass ich mittlerweile schon seit über 20 Jahren immer in der Vorweihnachtszeit eine Solo- oder Duo-Tour in kleinen Clubs mache, um dem Weihnachtsrummel zu entgehen. Also quasi, weil ich eigentlich keinen Bock auf Weihnachten habe. Das ist die Connection. Und wenn man von einem Weihnachtsgefühl reden will, dann finde ich, weil man in dieser Zeit in Clubs ist und mit Leuten zusammen Musik abfeiern kann – das ist für mich ein schönes, warmes Gefühl.

Letztes Jahr hast du zur Vorweihnachtszeit deinen Song „Lass sie rein“ veröffentlicht, der sich mit ertrinkenden Geflüchteten im Mittelmeer beschäftigt. Auf YouTube ist nach einem gewaltigen Shitstorm inzwischen die Kommentar-Funktion deaktiviert…
Das war schon extrem heftig. Da kamen Morddrohungen und das ganze Programm, mit dem heutzutage viele leben müssen, die sich für Menschlichkeit positionieren. Das ist schon irgendwie unglaublich, was da abgeht. Ich meine, wir wissen mittlerweile, dass das meiste von irgendwelchen Bots und Organisationen kommt, die da im Sekundentakt abfeuern, um die Leute zu verunsichern. Da muss man auch erkennen, dass dadurch ja auch keine echten Diskussionen möglich sind. Letztlich ist es zwar etwas Gutes, mitzukriegen, wie die Stimmung hier gerade in der Gesellschaft ist – oder eher, wie versucht wird, die Stimmung umzupolen, was zum Glück noch nicht wirklich funktioniert. Da wird zwar immer Angst gemacht, aber ich bin davon überzeugt, dass es mehr gute Leute gibt, die sich für Menschlichkeit einsetzen als andersherum.

Also lässt du dich gar nicht davon verunsichern?
Nein, auf keinen Fall, denn das macht gar keinen Sinn. Das ist ja alles so ein Ablenkungsmanöver. Außer dass ich gefrühstückt habe, habe ich auch heute Morgen noch lange telefoniert und da hatten wir das Thema auch schon. Klar, wir haben große Probleme, die unsere Demokratie angreifen – ob das jetzt Steuerhinterziehung, die Flüchtlingspolitik oder die Impfpflicht ist – und die Leute versuchen sofort, das umzupolen und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Wenn sie sich hinstellen und gegen den Mundschutz sind, geht es einfach gar nicht mehr um die großen Themen und das checken die meisten nicht. Und was die Flüchtlingspolitik angeht, geht es ja letztlich darum, dass die Leute sich ablenken lassen und da irgendwie von einer Bedrohung sprechen und einfach nicht sehen, dass wir es mitverschulden, dass die Leute flüchten müssen. Es geht nicht darum, dass die Leute, die übers Mittelmeer herflüchten müssen, die Bedrohung sind, denn wir werden ganz anders bedroht.

Bei einer bekannten Online-Enzyklopädie heißt es, du seist Liedermacher, Multiinstrumentalist und Rockmusiker. 2015 hast du den deutschen Kleinkunstpreis bekommen – das ist ja nochmal eine ganz andere Kiste… Als was siehst du dich am ehesten?
Uff, letztendlich eigentlich einfach nur Musiker. Klar, stimmt das alles irgendwie, aber als „Kleinkünstler“ fühle ich mich ehrlichgesagt am unwohlsten! (lacht) Ich habe mich schon immer an dem Begriff Kleinkunst gestört. Das ist irgendwie einfach affig. Letztendlich steht der für kleinere Bühnen oder intimere Auftrittsformen, die ich natürlich sehr begrüße. Ich bin kein Freund von Hallenkonzerten, weil ich glaube, dass Musik da doch eher stereotyp funktioniert und ich mag es, die Leute zu sehen und mit deren Stimmung mitzuschwingen. Das ist für mich das Wichtigste. Und darauf bezogen ist dann der Preis gewesen, aber Kleinkunst an sich klingt eher bescheuert.

Dein Album „Jubel“ von 2020 ist trotz zahlreicher Alben zuvor dein bisher erfolgreichstes Album – zumindest wenn man den Charts glauben will. Wie erklärst du dir das?
Wie du schon richtig andeutest, muss man solche Charterfolge relativ sehen. Ich habe zum Beispiel letztens nochmal nachgeguckt, wie es mit meinem 93er Album „Happy End im La-La-Land“ aussah, was mit Sicherheit über die Jahre das meist verkaufte Album ist, und das war damals nur auf Platz 90 oder so. Das waren einfach andere Zeiten, wo es andere Verkaufszahlen gab und überhaupt der Wertung irgendwie andere Sachen zugrunde gelegt wurden. Ich blick da auch nicht richtig durch, weils mir auch völlig Wurst ist. Letztlich glaube ich, dass es, gerade weil ich nicht in den großen Medien stattfinde, einfach eine gewisse Zeit braucht, bis sich das rumspricht. Ich erlebe immer wieder Leute, die sagen: Warum habe ich bis jetzt noch nie was von dir gehört, obwohl du schon so lange Musik machst? Und die sind dann völlig begeistert und kaufen sich alle Album auf einmal. Keene Ahnung, da passiert einfach immer mehr. Es ist immer noch so ein stetiges Aufsteigen.

Dein alljährliches Tourprogramm trug zuletzt den Namen „Echter Klang statt Fake Noise“ – worauf spielst du damit an? Positionierst du dich damit ähnlich wie mit deinem Album „Popschutz“ von 2015 gegen Mainstream-Pop?
Genau, das geht in so eine Richtung. Erstmals aufgenommen hatten wir den Titel glaube ich noch so zu Zeiten der Trump-Ära, die zum Glück inzwischen Geschichte ist, zumindest fürs erste. Der hat ja immer mit so schönen Worten wie „Fake News“ um sich geschmissen und deswegen kam ich irgendwie auf „Echter Klang statt Fake Noise“, weil ich ja auch schon immer, und das ist ganz richtig was du sagst, so ein bisschen gegen dieses Mainstream-Ding bin. Achtzig Prozent von dem, was du im Radio hörst, ist quasi mit gesampelten, aufgekochten Sachen, die am Computer zusammengebastelt werden, gemacht. Das finde ich generell witzig, weil das als modern verkauft wird, dabei sind die Versatzstücke, an denen sich da bedient wird, schon vor Jahren entstanden. Von daher ist das eigentlich eine Lachnummer. Und für mich ist „modern“ eigentlich auch nur, welches Gefühl eine Note oder ein Instrument im Jetzt transportiert. Das finde ich nämlich sonst albern und das ist für mich dann eben irgendwie echt „Fake Noise“.

Wie stehst du denn eigentlich zu der ganzen Gender-Debatte und insbesondere dazu, kulturelle Stücke – Bücher wie Musik – umzuschreiben, weil sie aus heutiger Sicht politisch nicht korrekt sind?
Schon sehr zwiespältig. Ich kann das einerseits verstehen, aber ich bin auch kein Freund davon, jetzt die Sprache umzumünzen. Ich hätts lieber andersherum, dass erst Frauen gleichbezahlt werden und gleiche Chancen haben und dann meinetwegen die Sprache geändert wird. Aber es gibt natürlich auch viele, die sagen, durch die Sprache entwickle sich ein neues Bewusstsein. Weiß ich nicht so recht…

Wärst du bereit, ein Song von dir aus den 80ern umzuschreiben oder muss man ein Stück einfach vor dem Hintergrund seiner Zeit sehen, in der es entstanden ist?
Gerade bei Liedern kann man ja die Reime nicht völlig verändern. Wenn man jetzt mit Gender-Sprache einen Song schreiben würde, würden sich daraus ganz andere Dinge ergeben. Und von daher finde ich das quatschig. Was ich gerade interessanter finde und was ich auch mit vielen Kollegen diskutiert habe, ist die Frage, wie ich aktuell mit Songs von mir umgehe, in denen ich sowas sage wie: „Lauf der Masse nicht hinterher“, „Such dein eigenes Ding“. Da habe ich gerade Schwierigkeiten mit, das zu singen, weil die ganzen Querdenker-Leute sich das ja auf die Fahne schreiben, es aber aus einer ganz anderen Seite sehen. Das hat mich erst ein bisschen frustriert, weil ich dachte: Scheiße, wegen den Arschlöchern kann ich gewisse Inhalte einfach nicht mehr bringen. Andererseits ist es natürlich auch eine Herausforderung, wach zu bleiben und die Songs, die man jetzt schreibt, an die Situation anzupassen, andere Bilder zu finden und sich anders auszudrücken. Aber manche Songs spiele ich im Moment auf jeden Fall nicht live, weil ich keinen Bock habe, dass die dann Beifall klatschen. Vielleicht kommt irgendwann wieder eine Zeit, in der das wieder in richtiger Relation verstanden werden kann.

Du hast ja auch schon viel Weltmusik gemacht und mit indischen und afrikanischen Künstler:innen zusammen gearbeitet. Was begeistert dich daran?
Ich bin immer schon sehr begeistert gewesen für alle möglichen Formen der Musik und je intensiver desto besser. Und die indische Musik liebe ich einfach, weil sie so eine ganz spezielle Mischung ist. Eigentlich ist sie vergeistigt – also vor allem im Gegensatz zur afrikanischen Musik, die viel mehr körperlich ist und viel mehr, ja vielleicht viel fraulicher ist, könnte man in dem Zusammenhang fast sagen. Das empfinde ich bei afrikanischer Musik immer so, denn sie ist irgendwie so down to earth, Richtung Mutter Erde. Die indische Musik ist intellektueller, aber trotzdem sehr intensiv und das begeistert mich einfach. Auch, dass man sich als Musiker da in einen ganz anderen Kontext einfügt. Gerade für mich, als jemand, der Texte schreibt, ist es einfach toll, sich mal nicht auf die Texte zu konzentrieren und die Musik anders wahrzunehmen. Ich liebe auch andere Länder und es ist einfach klasse, dort zu sein und Musik zu machen. Das ist echt ein anderer Film.

Denkst du, dass der Austausch und die Öffnung für fremde Kulturen, so wie du ihn musikalisch umsetzt, der Schlüssel gegen Vorurteile ist?
Absolut. Da bin ich fest von Überzeugt. Da schließt sich der Kreis auch zu den ganzen Autotune-Dingen und der neuen Musik. Die entmachten Musik quasi. Musik war immer eine Möglichkeit, dass Leute miteinander harmonieren und sich aufeinander einstellen und eben nicht von außen gesteuert werden, was ja der Name Autotune schon impliziert; diese Steuerung von außen. Die Schwingung, die so großartig ist zwischen Menschen und wenn Menschen zusammen singen. Dadurch lösen sich so viele Dinge und Probleme und es entsteht dadurch ein gewisses Gefühl. Und diese Möglichkeit wird einfach genommen durch die Musik, die nur per Computer gemacht wird. Allein der Rhythmus, das ist immer auch mein Lieblingsthema. Der straighte Rhythmus ist gegen den Herzschlag, denn der ist variabel. Wenn du im Rhythmus diese Variable nicht hast, dann führt das eigentlich nur zu Stress und Dissonanz und das ist einfach nicht gut. Und klar, wenn ich mit Afrikanern, Indern oder anderen zusammen Musik mache, resultiert daraus eine innige Freundschaft und keine Feindschaft und ein Verständnis. Unterschiedlicher wie meine indischen Kollegen könnte ich gar nicht sein – vom Essen über das gesamte Verhalten – und trotzdem findet man sich da. Und das ist großartig.

Fotos Thomas Willhelmsen, Robert Grischek

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Louisa Ferch

Geschrieben von Louisa Ferch

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